Frauen und Gehalt Interview

Wieso verdienen Frauen immer noch weniger?
Wie kann HR unterstützen die Gleichberechtigung zu fördern?
Und wie bereitet man sich am besten auf die Gehaltsverhandlung vor?

Der immer noch herrschende Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen ist ein heiss diskutiertes Thema. Wir haben uns mit Sarah Margarita Mehnert de Winter, Geschäftsführerin und Gründerin von Kickstart, zum Thema Frauen und Gehälter unterhalten.

 

Lena Weiler: Starten wir direkt! Sarah, stell dich doch erst einmal vor: Was machst du, was ist dein Hintergrund und warum ist genau dieses Thema eine Herzensangelegenheit von dir?

Sarah Margarita Mehnert de Winter: Erst einmal vielen Dank für die Einladung zu diesem Interview. Ich bin Geschäftsführerin von Kickstart HR, einer Headhunting Agentur in Berlin. Wir sind jetzt im vierten Jahr auf dem Markt und haben natürlich auch mit Frauen bzw. Kandidatinnen zu tun. Deshalb kann ich auch von meinen Erfahrungen erzählen, wie unterschiedlich die Gehaltsvorstellungen der Einzelnen aussehen können. Vor der Gründung von Kickstart HR habe ich u.a. zwei Jahre bei Zalando gearbeitet, weshalb ich auch den Fokus auf Startups legen wollte. Die Frauen, mit denen wir zusammenarbeiten, gehören deshalb eher den jüngeren Altersgruppen an.

 

L.W.: Frauen verdienen weniger und Frauen verhandeln auch anders, was meinst du woran das liegt?

S.M.M.d.W.: Das ist ein Thema bzw. eine Situation in der wir uns schon wahnsinnig lange befinden und in der man einen Wechsel nicht einfach von heute auf morgen erwarten kann. Ich glaube, dass diese Situation den meisten Frauen überhaupt nicht bewusst ist und sie sich auch gar nicht richtig trauen, sich in einer Verhandlung zu positionieren und ein gutes Gehalt zu verhandeln.

Zum einen hat es sicherlich mit der eigenen Einstellungen zu tun, zum anderen lässt es sich auch auf die unterschiedliche Erziehung von Männern und Frauen zurückführen. Ich denke, es ist eher unüblich, einem kleinen Mädchen direkt beizubringen wie es richtig verhandelt. Im Gegenteil, Frauen wird beigebracht, über jeden Job den sie bekommen froh zu sein. Damit verbunden ist natürlich auch die klassische Rollenverteilung. In der Beziehung zwischen Mann und Frau, ist die Frau meistens noch diejenige, die nicht so viel verdient und der Mann derjenige, der das höhere Gehalt mit nach Hause bringt. Frauen sehen oft nicht die Not oder Wichtigkeit ihr Gehalt zu verhandeln. Anders sieht das bei alleinerziehenden Müttern aus. Da merkt man oft, dass da Existenzängste eine Rolle spielen. Die sagen direkt wenn das Geld nicht ausreicht und verhandeln ganz anders.

Man kann das alles natürlich nicht generalisieren und das ist bei weitem nicht mehr so wie es mal war, allerdings sind das alles Sachen, die sich nicht schlagartig ändern können.

Interessant ist noch eine kleine Statistik, aus den Erfahrungen in unserem Unternehmen: 10% der Frauen, mit denen wir sprechen, sind extrem ehrgeizig, vergleichbar mit ehrgeizigen Männern. 30-40% sind ‘‘normal’, das heißt, dass sie kompromissbereit sind und man mit ihnen über ihr Gehalt verhandeln kann. Allerdings fragen wir uns bei fast 50-60% “Warum will die so wenig Geld verdienen?”. Da würde ich gerne die Frauen da draußen wachrütteln und zu mehr Selbstbewusstsein ermutigen.

Wenn wir als Frauen diese Situation nicht verändern können, wer dann?

 

L.W.: Was sind die Fehler, die in Verhandlungen gemacht werden und mit welcher Einstellung sollten Frauen dort rein gehen?

S.M.M.d.W.: Es gibt eine Menge an Fakten, die sich Frauen noch nicht bewusst gemacht haben. Die würde ich gerne erstmal aufführen:

Es tobt schon seit einigen Jahren der War for Talents. Alle die mit Personal zu tun haben, Kunden, Headhunter, Unternehmen etc. kämpfen um Fach- und Führungskräfte. Aktuell fehlen in Deutschland nahezu eine Viertelmillion Fachkräfte. Deshalb sollten sich Frauen entspannt zurücklehnen weil Punkt 1: die Zeiten von endlosen Bewerberschlangen und stapelweise Bewerbungen, von denen sich die Unternehmen die Männer herauspicken konnten, sind längst vorbei. Punkt 2: Bewerber mit hohen Gehaltsvorstellungen werden nicht mehr direkt aussortiert, sondern erst wird geschaut, ob man einen Kompromiss finden kann.

Diese Situation sollte sich jede Frau vor einem Bewerbungsgespräch auf der Zunge zergehen lassen. Wir stecken da einfach in einer sehr guten und komfortablen Position. Man muss sich da einfach selber immer wieder sagen “die Firmen brauchen mich” und nicht andersherum.

 

L.W.: Gehört da nicht auch sehr viel Mut zu, höher zu stapeln? Also einfach mal zu sagen “ich nehme mir das jetzt heraus” und schaue was passiert?

S.M.M.d.W.: Ja das könnte sein, allerdings glaube ich auch, dass Frauen häufig nicht so viel Wert auf ihr Gehalt legen wie Männer. Sprich Statussymbole “mein Auto, meine Eigentumswohnung” etc. sind nicht die klassischen Ziele einer Frau, allerdings verhält sich das natürlich total unterschiedlich. Deshalb ist es schwierig explizit Gründe zu nennen. Um aber darauf zurück zu kommen, was man falsch und richtig machen kann:  

  1. Wenn man zu einem Interview geht, muss man sich wirklich erlauben selbstbewusst zu sein. Das heißt, dass man nicht darauf angewiesen ist diesen Job zu nehmen, sondern das man sich erst einmal alles anschaut und prüft, ob alles stimmt. Das Gehalt mit inbegriffen.
  2. Recherchieren, welches Gehalt man überhaupt verlangen kann. Das Arbeitsamt, die IHK oder Google geben da eine gute Info.
  3. Man kann ca. 20% auf das vorgeschlagene Gehalt draufrechnen, aber man sollte auch kompromissbereit sein und dem Unternehmen entgegenkommen. Allerdings ist es immer besser höher anzusetzen und sich dann in der Mitte zu treffen.
  4. Für Frauen die in Elternzeit waren ist es besonders wichtig, diese Zeit nicht als Makel zu sehen. Oft habe ich erlebt, dass Mütter die Einstellung, dass sie durch die Elternzeit “rausgekommen” sind. Allerdings sollte man das von einer ganz anderen Seite betrachten. Mütter sollten die Elternzeit wie ein “Training on top” betrachten, in der sie nochmal ganz andere Fähigkeiten dazu gelernt haben. Dazu zählen beispielsweise Stressresistenz, soziale Kompetenzen oder einfach der Zuwachs an Motivation. Homeoffice ist da auch ein ganz wichtiger Punkt, der vermehrt von den Unternehmen angeboten wird. Es bietet gerade Müttern die Möglichkeit, ihre Arbeit zu machen und trotzdem bei ihrem Kind sein zu können. Außerdem ist die Elternzeit im Vergleich auf so einen kurzen Zeitraum begrenzt, dass man es einfach nicht als Nachteil sehen sollte und sich nicht unter Preis verkaufen darf.

 

L.W.: Zum Abschluss: 3 Tipps, wie sich Frauen am besten auf Gehaltsverhandlungen vorbereiten und wirken können?

S.M.M.d.W.: 

  1. Legt euch innerlich eine Range fest, welches Gehalt ihr mindestens erreichen wollt. Und zwar nicht, was einem tatsächlich zusteht, sondern 10% höher. Man sollte bloß nicht das erstbeste Angebot annehmen, nur um den Job um jeden Preis zu bekommen.
  2. Selbstbewusstsein! Man muss sich wirklich bewusst machen, dass das nicht der einzige Job ist den man bekommen wird. Das Angebot ist viel zu groß und man wird gebraucht.
  3. Rollentausch: sich in einen Mann hineinversetzen kann oft sehr hilfreich sein. Damit meine ich damit aber nicht, dass man arrogant oder stur in das Interview hineingehen sollte. Im Gegenteil, man sollte immer höflich und souverän bleiben. Allerdings kann man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass einem das gleiche Gehalt zusteht, wie einem Mann.

Grundsätzlich gilt: fast jedes Unternehmen ist mittlerweile in der Lage, das Geld in das Gehalt zu investieren und sollte froh darüber sein, die Stelle besetzen zu können. Und wenn es tatsächlich an der Gehaltsforderung scheitert, dann soll es eben auch nicht sein.

 

L.W.: Vielen lieben Dank für diese zahlreichen Informationen. Das ist wirklich wahnsinnig interessant gewesen und sehr hilfreich für alle Frauen, die gerade auf Jobsuche sind, einem Jobwechsel bevorstehen oder sich einfach verbessern wollen.